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Music in a Dolls‘ House – Family

Music in a Dolls’ House, das Debütalbum von Family, gilt als eines der ersten Rock-Alben an der Schnittstelle zwischen der Psychedelia der Mitt- und Endsechziger Jahre und dem Progressive Rock, der kurz darauf seinen Höhenflug begann.

Eingespielt wurde die Platte in der Besetzung Roger Chapman (Mundharmonika/Tenorsaxofon/Gesang), Rick Grech (Violine/Cello/Bassgitarre/Gesang), Rob Townsend (Percussion/Schlagzeug), John Whitney (Gitarre/Pedal-Steel-Gitarre/Keyboards) sowie Jim King (Mundharmonika/Keyboards/Sopran- und Tenorsaxofon/Gesang). Das Album , das am 19. Juli 1968 veröffentlicht wurde, enthält eine Reihe komplexer musikalischer Arrangements, die an denen auch ein junger Mike Batt, der damals noch ganz am Anfang seiner Karriere stand, einen nicht geringen Anteil hatte. Bands wie Genesis und Jethro Tull benennen das Album als einen wichtigen Einfluss in ihrer musikalischen Entwicklung. Für den nicht unterschätzenden Einfluss des Albums auf das, was man später gemeinhin als Progressiver Rock bezeichnete, spricht auch, dass es in der Sonderausgabe „Pink Floyd & The Story of Prog Rock“ der Magazine Q & Mojo Classic Platz 30 in der Liste der „40 Cosmic Rock Albums“ belegte.

Family wurden Ende 1966 in Leicester aus den verbliebenen Mitgliedern einer Band gegründet, die zuvor unter den Namen The Farinas und später The Roaring Sixties bekannt war und deren Sound im Rhythm & Blues und Soul verwurzelt war. 1967 begannen sie, sich in eine experimentellere Richtung zu bewegen und einen stärker psychedelischen Sound zu entwickeln.

Als die Band kurze Zeit später nach London zog, änderte ihren Namen in Family. Durch Auftritte in angesagten Clubs wie dem Marquee erarbeiteten sie sich schnell den Ruf einer der vielversprechendsten neuen Livebands der Stadt. Dies führte schließlich zu einem Plattenvertrag mit Liberty Records, die im Oktober 1967 eine Single der Band veröffentlichte: „Seen Through the Eye of a Lens“, produziert von Jimmy Miller, der vor allem durch seine Arbeit mit Traffic bekannt war, zeigte bereits eine Band mit eigenständigem Charakter mit einem dunkleren Sound, der die experimentellere Seite der Psychedelia betonte. Damit gehörte die Band zu den Vorreitern des sogenannten Prog Rocks, der kurz darauf von Bands wie King Crimson weiterentwickelt und definiert wurde.

Die Single wurde von der Presse positiv aufgenommen, mit guten Kritiken in Zeitschriften wie Melody Maker und New Musical Express: „Das ist eigenwillig genug, um sich durchzusetzen. Fremdartige östliche Klänge, ein Stimmungswechsel mitten im Stück, ein Leadsänger, der an Steve Marriott erinnert und geschickte Studioarbeit machen dies zu einer beeindruckenden Debütsingle.“

Trotz der positiven Resonanz konnte sich die Single jedoch nicht in den Charts platzieren. Liberty Records lies die Band daraufhin kurzerhand fallen, jedoch dauerte es nicht lange, bis sie bei Frank Sinatras Reprise Records einen neuen Vertrag erhielten.

Anfang 1968 begann die Band mit den Aufnahmen zu ihrem ersten Album, erneut unter Beteiligung von Jimmy Miller. Allerdings war Miller gleichzeitig mit den Arbeiten an „Beggars Banquet“ von den Rolling Stones beschäftigt und konnte daher nur zwei Titel produzieren. Der ehemalige Traffic-Musiker Dave Mason übernahm daraufhin die Produktion des Albums, das in den renommierten Olympic Studios eingespielt wurde, das damals neben den Abbey Road Studios als „erste“ Adresse Londons galt.

Der erst 18 Jahre alte Mike Batt steuerte Streicher- sowie Bläserarrangements zu drei Stücken bei. „Dave Mason war zu dieser Zeit ein großer Star – er war der Kopf von Traffic“, erinnerte sich Batt später. „Ich hatte Angst, dass alles furchtbar klingen würde, und gleichzeitig war es einschüchternd, dass ausgerechnet Dave Mason produzierte. Es war mein erster Auftrag, und ich erinnere mich, dass ich auf dem Weg ins Olympic-Studio einen Taktstock gekauft habe.“

Das Album – Titel für Titel

Das Album beginnt mit „The Chase“, einem kurzen und beinahe chaotischen Stück, das sofort den Ton vorgibt.
Ein hervorragendes Streicherarrangement von Mike Batt verleiht dem Stück einen barocken Charakter. Es ist ein Stück, das stärker auf Atmosphäre als auf Melodie setzt, die experimentelle Ausrichtung des Albums andeutet – und als Opener perfekt funktioniert.

Auch der zweite Track des Albums „Mellowing Grey“, eine bombastische Ballade, wartet mit einem markanten Streicherarrangement von Batt auf. Ein melodischer, nichtsdestoweniger unkonventioneller Song, dessen sanfte, fast pastorale Passagen durch abrupte Wechsel unterbrochen werden. Der Einsatz von Mellotron und Streichern verleiht dem Stück ein gewisses Moody-Blues-Gefühl.

Nach den ersten beiden, stark von Streichern geprägten Stücken bietet „Never Like This“ einen deutlichen Wechsel in Tempo und Klang. Das Stück beginnt mit einem verdammt eingängigen Harmonica-Riff und verwandelt sich dann in einen folkigen, von Orgel begleiteten Rocksong. Geschrieben wurde „Never Like This“ von Dave Mason; es ist der einzige Song des Albums, der nicht von Family stammt. Er orientiert sich stärker an klassischem Songwriting, mit einer zugänglicheren Struktur, bewahrt jedoch die leicht verschobene, psychedelische Stimmung.

„Me My Friend“ mit seinen Phasing-Effekten und mittelalterlichen Einflüssen darf zu den herausragenden Tracks des Albums gezählt werden. Der Track wurde auch als Single ausgekoppelt, konnte sich aber nicht durchsetzen.

Mit „Variation on a Theme of Hey Mr. Policeman“ folgt das erste von drei kürzeren Zwischenspielen,
die dem Album eine lose, suite-artige Struktur verleihen – etwas, das später zu einem typischen Merkmal des Progressive Rock werden sollte.

Es folgt „Winter“, eine vom Klavier getragene Ballade. Es ist ein dunkleres und introspektives Stück mit gedämpfter, leicht unheimlicher Stimmung, die dem Album neben den grelleren Psychedelia-Songs eine kontrastierende Note hinzufügt.

„Old Songs New Songs“ ist ein weiterer Höhepunkt des Albums. In Frankreich erschien das Stück als Single und wurde ein moderater Erfolg. Der Song verbindet psychedelische Elemente mit einem stärker vom Rhythm & Blues geprägten Stil und Streicher- und Bläserarrangements von Mike Batt.

„Als die Streicher fertig waren, war ich ziemlich zufrieden mit dem, was ich gemacht hatte,“ erinnert sich Batt. Dann kamen die Bläser dazu. Ich hob meinen neuen Taktstock, schlug an – und es kam ein schrecklicher Klang heraus, weil ich vergessen hatte, die B-Instrumente in der Bläsersektion zu transponieren. Aber Tubby Hayes (einer der Saxophoinisten, Anm. des Autors) und die anderen waren großartig. Statt sich zu beschweren, sagten sie einfach: ‚Überlass das uns – wir kriegen das hin.‘ Sie haben es einfach live transponiert. Und das hat mir wirklich den Hals gerettet.“

Die A-Seite endet mit einem weiteren kurzen Zwischenspiel, dem Instrumentalstück „Variations on a Theme of the Breeze“.

Die B-Seite beginnt mit einem weiteren Highlight des Albums: „Hey Mr. Policeman“ lebt von eingängigen Hook-Strukturen mit einem leicht surrealen, schrägen Ton und balanciert einen selbstbewussten Soul-Groove mit psychedelischen Untertönen.

„See Through Windows“, ebenfalls ein sehr strker Song,  baut sich allmählich auf und entwickelt eine hypnotische Wirkung. Unterstützt wird dies durch eindrucksvolle Mellotron-Klänge, die ein wenig den Klang vorwegnehmen, den King Crimson ein Jahr später populär machen sollten.

Nach einem weiteren kurzen Interlude folgt mit „Peace of Mind“ einer der geradlinigeren Songs des Albums.
Der Titel besitzt eine geerdete, fast folkige Qualität und bietet einen Moment relativer Klarheit innerhalb der abstrakteren Passagen, ohne dabei die düstere Note zu verlieren, die Family von vielen Psychedelic-Bands der späten 60er unterscheidet.

„Voyage“ zeichnet sich durch wechselnde Stimmungen und eine offenere Struktur aus, hervorgehoben durch Mellotron-Passagen, die zugleich schön und leicht verstörend wirken.

„The Breeze“ ist der wohl verspieltste Moment der Platte – leicht, ruhig und sehr melodisch. Der Song bildet einen starken Kontrast zu den dunkleren Passagen und zeigt eine andere Seite der Band.

Das Album endet mit „3 x Time“, einem starken Schlusstitel, der viele seiner prägenden Elemente zusammenführt: ungewöhnliche Struktur, wechselnde Dynamik und eine leicht surreale Grundstimmung.

Music in a Dolls’ House ist ein Album, das sich keiner Kategorie eindeutig zuordnen lässt. Gerade deshalb ist es heute besonders faszinierend, festzustellen, wie visionär die Platte 1968 war – und wie viel sie von dem, was in der Rockmusik folgen sollte, bereits in Grundzügen vorwegnimmt.

Das gilt übrigens auch für den Titel der LP: Als die Platte im Juli 1968 erschien, arbeiteten die Beatles gerade an einem Doppelalbum, das „In A Dolls‘ House“ heißen sollte. Nachdem ihnen Family den Namen weggeschnappt hatten, disponierten die Liverpooler um und nannten ihr Werk stattdessen „The Beatles“ – in Fankreisen auch als das „Weiße Album“ bekannt.

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